Neuerscheinungen deutschsprachiger Literatur

Einen Überblick über die Neuerscheinungen der deutschsprachigen Belletristik boten auch dieses Jahr die beiden Literaturkritiker Stefan Gmünder und Alexander Kluy an interessierte Bibliothekare. Im Gespräch waren sowohl literarisch anspruchsvolle als auch Unterhaltungs­literatur. Einige der vorgestellten Bücher befinden sich bereit in unseren Regalen und stehen für Sie zur Ausleihe bereit!

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John, amerikanischer Jude und ehemaliger Freiwilliger der israelischen Armee, wird in San Francisco auf offener Straße niedergestochen. Wer war John? Diese Frage stellt sich dem österreichischen Autor Hugo, der um seinen Freund trauert. Auf den Spuren Johns reist er nach Kalifornien, wo sich die beiden vor einem halben Leben kennengelernt haben, und dann nach Israel. Dort findet er sich im jüngsten Gaza-Krieg auf beiden Seiten des Konflikts wieder. “In der freien Welt” wagt die Frage nach dem heutigen Blick auf jüdische Identität, auf das Fortwirken deutscher Geschichte und die Politik Israels.*

“In der freien Welt” ist eine Doppelreise. Zum Einen erlebt man durch den Ich-Erzähler Hugo die Freundschaft mit John und dessen Leben, zum Anderen die politische Seite durch die geschichtliche Vergangenheit des jüdischen Volkes und den andauernden Konflikt Israels und Palästinas. Norbert Gstreins Sprachbild ist schnörkellos, geradeheraus und klar, aber nicht simpel.


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Irgendwo in einer großen Stadt, in Westeuropa. Ein kleines Mädchen kommt auf den Markt, hat Hunger. Sie versteht kein Wort der Sprache, die man hier spricht. Doch wenn jemand “Polizei” sagt, beginnt sie zu schreien. Woher sie kommt? Warum sie hier ist?  Wie sie heißt? Sie weiß es nicht. Yiza, sagt sie, also heißt sie von nun an Yiza. Als Yiza zwei Jungen trifft, die genauso alleine sind wie sie, tut sie sich mit ihnen zusammen. Sie kommen ins Heim und fliehen; sie brechen ein in ein leeres Haus, aber sie werden entdeckt. Köhlmeier erzählt von einem Leben am Rande und von der kindlichen Kraft des Überlebens.*

Die Geschichte erzählt von den Stationen einer Flucht und den Kampf ums Überleben und schreckt auch vor einer unfassbaren Tat nicht zurück.  Erschreckend und real geschildert aus der Sicht einer Sechsjährigen.


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Ein Jahr im Leben eines Wiener Schriftstellers, zwischen Drogen, Alkohol und Frauen. Ein Abenteuer, das Jonas und seine große Liebe Marie bis zum Südpol führen soll. Und ein dreizehnjähriger Junge, der leidenschaftlich Schach spielt, um seinem Alltag zu entfliehen. Dazu Nebenfiguren wie aus einem Tarantino-Film: Ein Anwalt der Hells Angels, ein Wing Tsun-Großmeister und eine Mörderin, die die Leichen ihrer Liebhaber mit einer Kettensäge zerlegt. Die wirkliche Welt trifft auf die Sehnsucht nach einem anderen Leben.*

Ein recht dickes Buch mit seinen 748 Seiten. Durch die drei unterschiedlichen Handlungsstränge könnte man es aber auch als drei Bänder in einem Buch sehen. Die Handlungen sind zwar unabhängig voneinander, berühren sich aber ab einem bestimmten Punkt leicht miteinander. Regt zum Nachdenken an, lockt einem aber auch den einen oder anderen Lacher hervor.


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Filiz wächst in einem kurdischen Dorf in der Türkei auf. Sie ist zwölf, als sie sich in den um wenige Jahre älteren Yunus verliebt und mit ihm von einem gemeinsamen Leben im Westen träumt. Mit fünfzehn heiratet sie Yunus – heimlich und gegen den Willen ihres Vaters. Doch mit der Hochzeit platzen auch die Träume von Freiheit und Autonomie: Statt, wie erträumt, Jeans trägt Filiz jetzt Burka; gemeinsam mit den drei Kindern, die in dieser Ehe geboren werden, ist sie der körperlichen und seelischen Brutalität ihres Mannes und ihrer Schwiegermutter ausgesetzt. Daran ändert auch die Emigration der Familie in den Westen nichts – vorerst. Denn nach einer neuerlichen Eskalation der Gewalt gelingt Filiz das vermeintlich Unmögliche: die Befreiung aus physischer und psychischer Abhängigkeit.*

Blauschmuck sind die Zeichen der Gewalt und Demütigung, welche die Ehefrauen im Kulturkreis rund um Filiz Volk und Familie mit sich herumtragen wie ein Brandzeichen. In einer beinahe poetischen Sprache erzählt Katharina Winkler die wahre Geschichte einer jungen Frau, die es schaffte sich der Gewalt, Erniedrigungen und Grausamkeit zu entziehen. Sie erzählt aber auch von einer Gesellschaft, die gefangen in Tradition, Erziehung und Glauben ist. Erschreckend und ehrlich.


Für unsere ebook Nutzer

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 Als er wegen eines Schwächeanfalls in ein Krankenhaus eingeliefert wird, spürt Theo, dass er am Ende seines Lebens angekommen ist: Er ist alt und fortan pflegebedürftig, was ihn eine Ohnmacht und Hilflosigkeit spüren lässt, die er bisher nicht kannte. Er zieht Bilanz, ist ist in Gedanken oft bei seiner früh verstorbenen ersten Frau, deren Sterben er erst jetzt richtig begreift, und er erinnert sich an nicht mehr gut zu machende Versäumnisse, während ihm die Gegenwart und die bisher glückliche Ehe mit Berta aus dem Gleichgewicht geraten. Aber auch dieses letzte Lebensjahr bringt noch einmal Glück und einen Neuanfang durch die junge ukrainische Pflegerin Ludmila, die sein Herz erreicht, wie weder Berta noch seine seit Jahrzehnten entfremdete Tochter Frieda es vermögen. Ludmilla wird zu Theos letzter Liebe, sie wird ihm zur Tochter, wie Frieda es nie war.*

Auf eine recht ruhige Art, aber schönem Sprachrhythmus erzählt Anna Mitgutsch Theos Lebensgeschichte. Es sind Rückblicke und Erkenntnisse, ein Hadern mit der Vergangenheit und mit seinem eigenen Tun und dem Wunsch am Ende doch noch etwas richtig zu machen.


* Quellenangabe: Leseakademie 2016 – Literatur im Gespräch: Neuerscheinungen deutschsprachiger Literatur






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